Sonntag, 11. März 2012

Stoffmanipulationen 3

Im November letzten Jahres habe ich hier ein graues Shirt mit angenähtem Schal gezeigt. So richtig glücklich war ich mit diesem Modell nie. Der Schal legt sich nicht so um den Hals wie ich mir das vorstelle, also habe ich ihn wieder abgetrennt und den Halsausschnitt neu eingefasst. Nun habe ich ein langweiliges, graues Shirt:



Aber: beschäftige ich mich nicht gerade mit Stoffmanipulationen?
Dieses graue Shirt wird nun zum Prototypen für Reversapplikationen mit Jersey. Die Inspiration kam wieder von Alabama Chanin, meine Aus- und Durchführung unterscheidet sich jedoch von Chanins Werken vor allem, weil ich mit der Maschine genäht habe.*

Und dies ist das Ergebnis:


Und so bin ich vorgegangen:

  • das Muster auf reißbares Stickvlies aufzeichnen,
  • auf dem Stoff anordnen und feststecken,
  • unter dem  grauen Stoff - im gleichen Maschenlauf - den schwarzen Stoff anordnen und zwar so, dass das Muster überall unterlegt ist,
  • nun liegen von oben nach unten übereinander: Stickvlies, grauer Stoff, schwarzer Stoff; die Stoffe mit der rechten Seite nach oben,
  • stecken und gut heften, beachten, dass nichts verschoben ist und sich keine Fältchen gebildet haben,
  • mit der Maschine über die Linien des Musters nähen, und zwar mit dem Stich für elastische Stoffe,
  • das Stickvlies vorsichtig (in Worten: vorsichtig) abreißen, Reste mit einer Pinzette wegzupfen,
  • den grauen Stoff innerhalb der Motive dicht an der Naht herausschneiden, wiederum mit viel Vorsicht, damit man weder in die Naht noch in den darunter liegenden schwarzen Stoff schneidet,
  • innen den überstehenden schwarzen Stoff ein paar Millimeter neben der Naht abschneiden.

Sicherlich ist es eher ungewöhnlich, das Stickvlies auf der Oberseite des Stoffs zu platzieren, aber bei mir hat es funktioniert. Es hat mir das Aufzeichnen des Motivs auf dem grauen Stoff erspart; von der Rückseite wollte ich nicht nähen, der Jerseystich sieht von links weniger attraktiv aus.

Ist das Ganze haltbar und kann man das Shirt weiterhin in der Maschine waschen? Ich denke ja, ich habe es an meiner Musterprobe getestet:






Weitere Fotos:

von hinten


Ärmelmotiv


Motiv in der Nahaufnahme

und noch größer...

von innen

Natürlich hat meine Art der Reversapplikation eine andere Optik als Natalie Chanins Werke und gerade ihre handgenähten Stiche machen den besonderen Charme aus, aber ich wollte sie nicht 1:1 kopieren, sondern meinen eigenen Weg finden, um diese faszinierende Technik umzusetzen.

Und es wird weitergehen...
Ich habe noch ein weiteres Shirt, das mir so, wie es ist, nicht gefällt; dieses hier:


Der Schnitt stammt aus einer älteren Ausgabe eines Bernina-Kundenmagazins. An diesem Modell hatte mir ursprünglich hauptsächlich der Kragen gefallen. Er ist wie ein sehr halsferner Rollkragen konstruiert, der in der vorderen Mitte geteilt ist und dessen (leicht angekrauste) Enden einige Zentimeter überlappen. Da ich mich nach ein paarmal Tragen noch nicht so recht mit diesem Kragen anfreunden konnte, überlege ich, ob ich ihn entferne/verändere, wenn ich hier die Applikationen arbeite. Ich habe auch die im Originalmodell vorgesehenen Ärmelbündchen gearbeitet, was mir nicht mehr gefällt, denn ich finde sie zu "sportlich".
Also: eventuell ein anderer Halsausschnitt und bestimmt andere Ärmelabschlüsse. Und wieder Reversapplikationen - das ist sicher.

Natürlich: Wenn man von vorn herein ein Shirt mit Reversapplikationen plant, würde man zunächst die Teile zuschneiden, die Applikationen ausführen und dann erst die Teile zusammennähen. Das erleichtert das Arbeiten der Applikationen erheblich.
Da ich hier "Blut geleckt" habe, kann ich schon verraten, dass ich bereits neu gekauftes Material zu Hause liegen habe um ein Shirt "von 0 auf 100" in dieser Technik zu nähen. Pläne sind gemacht, Muster sind entworfen - ich kann kaum erwarten loszulegen!


__________________________

* Die Idee mit der Hand zu nähen - was bisher nicht mein Ding war - arbeitet jedoch in mir. Mal schauen, was demnächst dabei heraus kommt...






Kommentare:

  1. Krass - ich meine den Unterschied vorher zu nachher. Hätte ich nicht für möglich gehalten, oder mir vorstellen können, dass man so eine tolle Wirkung mit ein 'bisschen Applkationen' (Verzeihung, das ist natürlich nicht so gemeint) erzielen kann.
    Ganz toll - echt!

    Grüße von Immi

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  2. Ich finde die Idee super, werde mir auch gleich mal deine Inspirationsquelle anschauen, aber ich bin wirklich hin und weg! LG
    P.S: Habe die gerade über Bloglovin gefunden und abonniert, der Blog ist wirklich schön und ich freue mich schon sehr auf weitere Projekte von dir!

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  3. Oh, das Shirt ist echt veredelt worden!
    Ich stelle mir den zeitlichen Aufwand dafür aber recht umfangreich vor.

    Sicher kann ich dir nachfühlen, dass Du dich auf das "von-0-auf-100-Shirt-nähen" freust!

    Gutes Gelingen bei allen dreien wird klappen!

    Liebe Grüsse LY

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  4. Eigentlich finde ich ja diese sog. 'Reverse-Applikations' optisch fast huebscher als die 'papp drauf' ones.

    Jedoch schlaegt da bei mir der Geizkragen etwas in mir durch. Grund:
    Bei der 'papp-drauf-Variante' kann man seine Meinung wieder aendern und selbige notfalls wieder abnehmen* bei der 'Reverse' ist das nicht gegeben, weil dann 'ein Loch' in irgendeiner Form, oder? Sehe ich das richtig?

    Liebe Gruesse,
    Gerlinde

    * so man irgendwann ueber den typischen Anfaenger-Fehler von 'must be strong' hinweg kommt und nicht mehr bereit ist, sich selbst bis ans Ende der Welt zu verwuenschen, fuer 'ganz besonders schwer auftrennbare Naht-Kreationen' ! ;-)



    Liebe Gruesse,
    Gerlinde

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  5. Das ist ja ein schönes Projekt! Ich hatte mich im Herbst auch drangemacht, eine "Mola" in Angriff zu nehmen, bin aber bisher über diverse Reverse-Applikations-Versuche noch nicht hinausgekommen. Vor allem bin ich mir noch nicht schlüssig über das genehmste Material. Gerne Jersey, aber da bin ich mit der Bearbeitung noch nicht so ganz vertraut. Ich weiß z.B. nicht, was du mit "dem Stich für elastische Stoffe" meinst. Das war bisher auf der Nähmaschine ein leichter Zickzackstich für mich, aber danach sieht deine Arbeit gar nicht aus. Hm. Leicht ratlose, aber nichtsdestotrotz bewundernden Grüßen
    Petra

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  6. @ Petra:
    Der Maschinenstich für elastische Stoffe näht zwei Stiche vorwärts, einen zurück, wieder zwei vorwärts usw. Dadurch bleibt die Naht dehnbar (bei Jersey unerlässlich). Natürlich kann man diese Wirkung auch mit einem kleinen Zickzack-Stich erreichen. Wenn deine Maschine kein echter Oldtimer ist, sollte sie solch einen Stich haben. Was sagt die Bedienungsanleitung dazu?
    Zum Thema Mola: habe kürzlich recherchiert und festgestellt, dass hier in der Regel gewebte Stoffe verwendet werden.
    Gruß
    Siebensachen

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    1. Danke für den Hinweis. Klar, meine Maschine hat einen "Stretch-3fach-Geradstich" wie du beschrieben hast. Wer lesen kann ist klar im Vorteil. Ich sollte wirklich öfter mal in eine Bedienungsanleitung sehen, bevor ich trial and error bemühe. Oder dumme Fragen stelle.
      Aber jetzt hab ich es kapiert und werde sicherlich bessere Nähergebnisse erzielen in Zukunft. Vorher hab ich das sicherlich auch schon mal gelesen, aber nicht nachhaltig in Erinnerung behalten. Jetzt schon. Danke dafür!

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  7. ;-)

    Werde jetzt mal meinen 'Oldtimer' hierzu besichtigen und ihr vermutlich trotdem liebevoll das Haupt streicheln. :-D

    Ist aber gut zu wissen, was man suchen muss, sollte man 'mal suchen muessen' - danke!

    Liebe Gruesse,
    Gerlinde

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  8. Hmm, passend zu mir - 'Oldtimer' ! ;-) :-D :-D

    Zumindest hat sie ihrem 'Frauchen' eines voraus: kann geradeaus arbeiten; ich nicht immer!
    :-) :-D

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  9. Das gefällt mir sehr gut und sieht am Shirt einfach toll aus.

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  10. wow!! das gefällt mir und das Shirt sieht sehr edel aus!
    diese Technik habe ich bei einer meiner WalklodenTunika angewandt, der Stoff ist ansich dick genug und ich konnte auf Vlies & co. verzichten.

    Habe Dein interessantes Blog schon in meiner Sidebar verlinkt und mich jetzt als Deine neue Leserin eingetragen ;-)))

    liebe Grüße schickt Dir Traudi

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